
Digitaler Stress und Screen Time: Wie Unternehmen die mentale Gesundheit fördern
Es ist kurz nach 17 Uhr. Ein Mitarbeiter schließt seinen Laptop, greift aber noch im selben Moment zum Smartphone, weil eine Chatnachricht aufgeploppt ist. Auf dem Heimweg beantwortet er zwei E-Mails, beim Abendessen liegt das Gerät griffbereit auf dem Tisch, und kurz vor dem Einschlafen checkt er noch einmal den Posteingang. Dieses Szenario ist in österreichischen Unternehmen längst keine Ausnahme mehr. Es ist Alltag. Und dieser Alltag hat einen Namen: digitaler Stress.
Die Digitalisierung hat unsere Arbeitswelt in einem Tempo verändert, das kaum jemand vorhergesehen hat. Videokonferenzen, kollaborative Plattformen, Messenger-Dienste und cloudbasierte Tools haben enorme Effizienzgewinne gebracht. Doch die Kehrseite dieser Entwicklung wird in vielen Unternehmen noch immer unterschätzt: Die ständige Verfügbarkeit digitaler Kommunikation belastet das Nervensystem, verwischt die Grenze zwischen Arbeit und Erholung und gefährdet langfristig die mentale Gesundheit der Belegschaft.
Was digitaler Stress wirklich bedeutet
Digitaler Stress, in der Wissenschaft auch als Technostress bezeichnet, entsteht nicht einfach dadurch, dass jemand viel am Bildschirm arbeitet. Er entsteht, wenn die Anforderungen digitaler Technologien die individuellen Bewältigungsressourcen übersteigen. Eine umfangreiche Studie der Hans Böckler Stiftung mit über 2.600 Befragten identifiziert mehrere Kerndimensionen dieses Phänomens.
- Der sogenannte Techno Overload beschreibt die Überlastung durch ständig eintreffende Nachrichten und die implizite Erwartung sofortiger Reaktion.
- Techno Complexity entsteht, wenn neue Software oder Tools eingeführt werden, ohne die Mitarbeitenden ausreichend zu schulen.
- Techno Invasion bezeichnet das Verschwimmen von Berufs- und Privatleben durch mobile Endgeräte.
- Hinzu kommt Techno Insecurity, also die Angst, durch Automatisierung oder KI den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren.
Besonders aufschlussreich ist dabei ein Kernergebnis der Forschung: Nicht der Digitalisierungsgrad eines Arbeitsplatzes ist entscheidend, sondern das Ungleichgewicht zwischen den digitalen Kompetenzen der Mitarbeitenden und den Anforderungen, die Technologie an sie stellt
Wer sich Technologien nicht gewachsen fühlt, gerät unter Druck, unabhängig davon, wie modern das Unternehmen aufgestellt ist.
Die Kosten des Wegsehens
Die Auswirkungen von digitalem Stress sind messbar, sowohl auf individueller als auch auf unternehmerischer Ebene. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit hohem digitalem Stress leidet unter Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und chronischer Müdigkeit
Auf psychischer Ebene steigt das Risiko für Erschöpfungszustände, Burnout und Belastungsdepressionen.
Für österreichische Unternehmen schlägt sich das direkt in den Zahlen nieder. 2024 erreichten die Krankenstände mit durchschnittlich 15,4 Fehltagen pro Person einen neuen Höchstwert. Über 40 Prozent der Langzeiterkrankungen sind auf psychische Ursachen zurückzuführen. Ein einzelner Fehltag kostet Arbeitgeber im Schnitt 250 Euro
Rechnet man Präsentismus dazu, also das Phänomen, dass Mitarbeitende zwar anwesend, aber nicht leistungsfähig sind, verdoppeln sich diese Kosten noch einmal.
Auswirkung | Dimension |
| Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit | Physische Gesundheit |
| Burnout, Erschöpfung, Depressionen | Psychische Gesundheit |
| Sinkende Konzentration und Arbeitszufriedenheit | Berufliche Leistung |
| Höhere Fluktuation, mehr Fehlzeiten | Unternehmensebene |
Eine Studie der Universität für Weiterbildung Krems, veröffentlicht im renommierten Fachjournal BMC Medicine, belegt zudem, dass bereits eine Reduktion der Smartphone Nutzung auf unter zwei Stunden täglich depressive Symptome um 27 Prozent, Stress um 16 Prozent und Schlafprobleme um 18 Prozent senken kann.
Die Botschaft ist eindeutig: Weniger Screen Time verbessert das Wohlbefinden messbar.
Was das Gesetz vorschreibt
Österreichische Unternehmen sind nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich in der Pflicht. Das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) verpflichtet Arbeitgeber seit 1994 zur Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2013 ist explizit klargestellt, dass psychische Gefährdungen, zu denen digitaler Stress, Entgrenzung und ständige Erreichbarkeit zählen, systematisch erhoben und durch geeignete Maßnahmen reduziert werden müssen
Wer diese Pflicht ignoriert, riskiert nicht nur rechtliche Konsequenzen, sondern vor allem den Verlust wertvoller Mitarbeitender in einem angespannten Arbeitsmarkt.
Sechs Strategien für eine gesündere digitale Arbeitskultur
Die Lösung liegt nicht in der Ablehnung von Technologie, sondern in einem bewussten, strukturierten Umgang damit. Folgende Ansätze haben sich in der Praxis bewährt.
- Klare Kommunikationsregeln schaffen. Legen Sie verbindlich fest, zu welchen Zeiten eine Antwort erwartet wird und welche Kanäle für welche Arten von Nachrichten genutzt werden. Die Reduktion der Kommunikationskanäle allein senkt nachweislich das Stressniveau.
- Keine E-Mails nach Feierabend sollte keine Ausnahme sein, sondern gelebte Norm.
- Fokuszeiten und Offline-Phasen einführen. Sogenannte „Stille Stunden", in denen Teams ohne digitale Unterbrechungen konzentriert arbeiten, steigern nicht nur die Qualität der Arbeit, sondern auch das subjektive Wohlbefinden. Technikfreie Meetings, bei denen Laptops und Smartphones draußen bleiben, fördern echte Aufmerksamkeit und bessere Entscheidungen.
- Digitale Kompetenzen gezielt aufbauen. Überforderung entsteht oft nicht durch zu viel Technologie, sondern durch zu wenig Schulung. Regelmäßige, zielgruppengerechte Trainings, die nicht nur Bedienung, sondern auch Selbstmanagement im digitalen Umfeld vermitteln, reduzieren Unsicherheit und damit Stress.
- Führungskräfte als Vorbilder positionieren. Alle Richtlinien sind wirkungslos, wenn sie von der Führungsebene nicht vorgelebt werden. Wer als Führungskraft am Sonntagabend E-Mails versendet, erzeugt unausgesprochenen Druck. Eine gesunde digitale Führungskultur ist der stärkste Hebel für nachhaltige Veränderung.
- Vorsorge als Teil des Gesundheitsmanagements etablieren. Digitaler Stress hinterlässt auch körperliche Spuren. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen ermöglichen es, gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen, bevor sie zu Langzeitausfällen führen. Anbieter wie das Vorsorgeinstitut Dr. Petra Fabritz bieten maßgeschneiderte Vorsorgepakete für Unternehmen an, die neben klassischer Diagnostik auch spezielle Stresschecks umfassen und sich unkompliziert in den Betriebsalltag integrieren lassen.
Fazit: Mentale Gesundheit ist Chefsache
Digitaler Stress ist kein individuelles Problem, das Mitarbeitende allein lösen müssen. Er ist ein strukturelles Phänomen, das Unternehmen aktiv gestalten können und müssen. Wer in die mentale Gesundheit seiner Belegschaft investiert, profitiert von geringeren Fehlzeiten, höherer Produktivität und einer stärkeren Arbeitgeberattraktivität.
Die Technologie lässt sich nicht zurückdrehen. Aber die Art, wie wir mit ihr umgehen, liegt in unseren Händen. Und in denen der Unternehmen, die Verantwortung übernehmen.
Quellen:
- https://www.gesundearbeit.at/arbeitsgestaltung/digitalisierung/digitaler-stress
- https://erwachsenenbildung.at/digiprof/neuigkeiten/16744-digitaler-stress-am-arbeitsplatz.php
- https://www.greatplacetowork.at/psychische-gesundheit/
- https://www.donau-uni.ac.at/de/aktuelles/news/2025/weniger-zeit-am-smartphone-verbessert-die-psychische-gesundheit.html´
- https://www.arbeiterkammer.at/beratung/ArbeitundGesundheit/psychischebelastungen/Psychische_Krankmacher.html
- https://www.tara24.at/public-health/digital-detox-als-gesundheitsstrategie/